Jacob Taubes, Abendländische Eschatologie. Mit einem Nachwort von Martin Treml, Berlin, Matthes & Seitz, 2007 (1991, 1947). 288S. ISBN 978-3-88221-256-3.
Review by Dr Rico Sneller, Leiden University, in: Church History and Religious Culture, 90.1, 2010, 157-158
Dem österreichischen Rabbiner und Philosophieprofessor Jacob Taubes (1923-1987) verdanken wir dieses faszinierende Studium des eschatologisch-apokalyptischen Motivs in der abendländischen Kulturgeschichte.
Die Erstausgabe seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1947 ist nicht mehr erhältlich, und die jetzige Neuausgabe, mit Nachwort versehen, erfolgt einer früheren von 1991. Obwohl Taubes überhaupt nicht auf geschichtliche Ereignisse eingeht und sich beschränkt auf die Entwicklung des einfachen Ideenbefundes, kann man sich des Aktualitätsanspruchs dieser Neuausgabe im ‚Zeitalter der Terror‘ nicht erwehren. Jüdisch-persischen Kreisen entstammend, so Taubes, erweisen sich apokalyptische Motive, wie etwa die einer künftigen Welt, eines transzendenten Gottes oder einer tiefgründigen Weltentfremdung der einzelnen Gläubigen, unerhört fruchtbar. Nicht nur in der vom griechischen Logos fast unberührt gebliebenen Gnosis, sondern auch in der von diesem gerade geprägten dominierenden abendländischen, theologischen sowie philosophischen Geschichte.
Ungeachtet der Verinnerlichung, die dem apokalyptischen Gedanken in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Auftreten widerfährt (vgl. Origenes und Augustin), taucht er doch immer wieder auf, häufig in öffentlich verurteilten ‚chiliastischen‘ Bewegungen und Theologien.
Viel Wert legt Taubes auf die Bedeutung Joachims von Fiore, der sich sogar schon in seinem 12. Jahrhundert indirekt dem Judentum annäherte dadurch, dass er das Reich des Vaters (Altes Testament) und das des Sohnes (Neues Testament) jetzt für beendet hielt und das des Geistes, das „dritte“, für eröffnet. Der joachimitische Gedankengang wusste sich, Taubes zufolge, durchzusetzen und kehrte wieder in täuferischen Kreisen, wie etwa denjenigen Thomas Münzers (dessen epochemachende Bedeutung für spätere Revolutionäre nicht nur von Taubes, sondern auch schon von Ernst Bloch (ein)gesehen wurde).
Entscheidend ist hier überall, so Taubes, der apokalyptisch-gnostische Gedanke des Verfallenseins dieser Welt und der unmittelbar bevorstehenden Erlösung: „Denn mit der Apokalyptik und Gnosis hebt jene neue Denkform an, die sich untergründig, verdeckt von der aristotelischen und scholastischen Logik bis in die Gegenwart erhalten hat und von Hegel und Marx aufgenommen und ausgeformt wurde.“ (52)
Mit Hegel und Marx ist die christliche Apokalypse inzwischen zusammengebrochen oder aufgehoben in vereinzelten religiösen Sekten wie etwa verschiedenen kalvinistischen Gruppierungen aus England (woher unmittelbare Fäden zum späteren Sozialismus laufen), oder in Formen des Pietismus, oder auch in der Theologie des Coccejus. In säkularisierter Gestalt findet sich die Apokalypse verschiedenartig wieder in neuzeitlichen Philosophien, wie denjenigen Kants, Hegels und vor allem Marx‘ und Kierkegaards.
Man bedenke hier, dass Taubes für seine Einschätzung beider letzteren den Studien Karl Löwiths viel verdankt (so wie übrigens denen Hans Jonas‘ für seine Beurteilung der Gnosis).
Wo Hermann Mendelssohn und Cohen das vernünftige, und Gershom Scholem das mystische Erbe des Judentums aufzuzeigen versucht haben, da findet Taubes hauptsächlich die eschatologisch-apokalyptischen Befunde( vor).
Wie wir wissen aus seiner späteren Bemühung um „die politische Theologie des Paulus“ und seinen Beziehungen zu Carl Schmitt, dem ehemaligen ‚Kronjuristen des 3. Reiches‘, hat Taubes auch ein persönliches theologisches-philosophisches, nicht nur rein-historisches Interesse an den Apokalyptizismus.
Im 1. Abschnitt der Abendländischen Eschatologie heißt es schon: „Die gleichgültige Nähe zu Gott übersieht das Wesen der Geschichte als Weg zur Erlösung. Die Ideologie des Fortschritts vereinzelt dagegen den teleologischen Pol, wenn sie jeden Moment der Geschichte zu Gunsten eines Ideals entwertet, das im Unendlichen liegt statt im Ewigen.“ (23) Taubes Anliegen ist jedoch, die ursprüngliche Zukunftserwartung, die Hoffnung des nahen Kommens des Gottesreiches auf Erden, wieder hervorzuheben.
Dieses Studium verknüpft dazu scheinbar weit auseinanderliegende kulturhistorische Gedanken und Motive und verfolgt ihren Gang bis zu ihrem Verschwinden oder ihrer Aufhebung in säkularen Strömungen. Das Resultat ist eine höchst originelle Arbeit, deren Beitrag zur heutigen Debatte über aktuelle religiöse Seitenpositionen (nicht zuletzt diejenige des ‚religiösen Terrorismus‘) besonders wertvoll sein könnte.
Dr Rico Sneller, Leiden University
woensdag, maart 23, 2011
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